Akt IV — Die WohnungAbschnitt 27 von 74
Galut als Schwangerschaft, nicht als Schicksal
Das Bild des Exils als Schwangerschaft muss behutsam behandelt werden, denn Leiden darf niemals romantisiert werden. Schmerz ist Schmerz. Verlust ist Verlust. Die jüdische Geschichte enthält Schrecken, die keine Metapher ästhetisch bequem machen darf.
Und doch gibt die Tora selbst Geburtsbilder für den messianischen Vorgang. Chasal sprechen von חבלי משיח, den Geburtswehen des Maschiach. Die Propheten gebrauchen die Wehen immer wieder als Bild für geschichtlichen Übergang.
Der Chawa-Kadmona-Rahmen liest den Galut daher als einen Zustand, in dem etwas Verborgenes zur Erscheinung getragen wird.
Das ist wichtig, denn Schwangerschaft ist kein sinnloser Aufschub.
Und sie ist auch keine vollzogene Geburt.
Sie ist verborgenes Werden.
Das Kind ist wirklich, ehe es sichtbar ist.
Die Zukunft besteht als Bildung, ehe sie ankommt.
Malchut kennt diese Art von Zeit.
Die männliche strukturelle Vorstellung denkt leicht in Abfolge:
beginnen,
voranschreiten,
vollenden.
Die austragende Vorstellung kennt Jahreszeit:
empfangen,
tragen,
unterscheiden,
warten,
in Wehen liegen,
hervorbringen.
Keine von beiden entwertet die andere.
Doch die Erlösung enthält Züge, die man nicht beschleunigen kann, ohne das zu zerstören, was gerade gebildet wird.
Es hat einen Grund, dass Maschiach durch Geburtswehen beschrieben wird und nicht durch eine Aufbauanleitung.
Die Geschichte baut nicht bloß einen Gegenstand.
Etwas versucht, geboren zu werden.