Malchut

Akt I — Der AbstiegAbschnitt 1 von 74

Malchut vor Malchut

Um zu verstehen, weshalb Malchut so tief ist, muss man dort beginnen, wo alle kabbalistische Sprache am Ende verstummt: Ein Sof.

Ehe wir Keter, Chochma, Bina oder Malchut sagen, ehe wir Geber oder Empfänger sagen, männlich oder weiblich, oben oder unten, innen oder außen, sprechen wir von dem Einen, an dem alle solchen Unterscheidungen scheitern. Das Unendliche ist kein kosmisches Männliches mit einem weiblichen Gegenüber. Es gibt keine zwei urzeitlichen Gottheiten, keine doppelte Souveränität, kein himmlisches Paar, das neben der jüdischen Erklärung der Einheit stünde. ה׳ אחד, Haschem ist Einer. Die Sprache der Sefirot beginnt erst, sobald die göttliche Offenbarung im Verhältnis zu Welten betrachtet wird. Der Chawa-Kadmona-Rahmen besteht auf diesem monotheistischen Grund, ehe irgendeine seiner Unterscheidungen überhaupt ausgesprochen werden darf.

Das ist für Malchut besonders wichtig, denn Malchut ist, wo die Beziehung ausdrücklich wird. Königtum verlangt ein Reich. Rede verlangt einen anderen, der sie hören kann. Eine Wohnung verlangt einen Ort, an dem gewohnt wird. Schechina bedeutet göttliche Gegenwart mit. Malchut steht daher genau an der Schwelle, an der das Geheimnis des Einen in die Grammatik der Beziehung eintritt, ohne aufzuhören, Einer zu sein.

Die Sprache des Zimzum beim Arizal gibt dazu ein außerordentliches Vorspiel. Unendliches Licht wird verhüllt, damit begrifflich Raum für Endlichkeit sei. Die Chassidut warnt bekanntlich davor, dies schlicht so zu verstehen, als räume G-tt buchstäblich einen Ort. „Erfülle Ich nicht Himmel und Erde?“ fragt Jirmijahu im Namen Haschems (Jeremia 23,24). Der Alte Rebbe liest den Zimzum, der kabbalistischen Überlieferung folgend, nicht als buchstäbliche Abwesenheit, sondern als Verhüllung der Offenbarung. Haschem ist um nichts weniger gegenwärtig; die geschaffenen Wesen werden befähigt, sich selbst zu erfahren.

Das lässt uns eine tiefe Symmetrie bemerken.

Am Anfang der offenbarten Schöpfung macht das Unendliche Raum.

Am Ende des sefirotischen Abstiegs macht Malchut Raum.

Der erste Raum ist der Chalal, der begriffliche Raum, den die Verhüllung öffnet. Der letzte Raum ist das Gefäß, das nichts unabhängig besitzt und darum empfangen kann.

Damit ist Malchut nicht mit dem urzeitlichen Zimzum gleichzusetzen. Es sind sehr verschiedene Ebenen und Begriffe. Und doch ist die Ähnlichkeit erhellend. Die Schöpfung beginnt mit einer göttlichen Bewegung, die sich als Raum-Machen für einen anderen beschreiben lässt. Sie gelangt zur Erfüllung durch eine geschaffene Ausrichtung, die dem Göttlichen Raum machen kann.

Das Unendliche verhüllt sich, damit das Endliche sei.

Das Endliche leert die Illusion seiner Unabhängigkeit, damit das Unendliche wohne.

Der erste Akt ist Gastlichkeit von oben.

Der letzte Akt ist Gastlichkeit von unten.

Zwischen ihnen steht die ganze Geschichte der Schöpfung.

Das Chawa-Kadmona-Dokument gibt dem Zimzum genau diesen Deutungsschlüssel: Verhüllung ist nicht Abwesenheit; sie ist das Machen von Raum. Danach erstreckt es dieselbe Grammatik der Verhüllung auf Schechina, Exil, Verborgenheit und die weibliche Gestalt. Malchut lässt sich nun als die letzte Form dieser heiligen Gastlichkeit sehen. Ihre Leere ist keine Leerstelle. Sie ist Raum.