Malchut

Nichts Sichtbares wird im herabfallenden Licht getragen. Blicke auf den Regen: keine Gestalt ist darin.

Erst wenn der Boden ihn empfangen hat, wächst etwas. Empfangen ist kein Aufbewahren. Es ist das, was das Mögliche wirklich macht.

תַּדְשֵׁא הָאָרֶץ

„Die Erde lasse sprossen“ (Genesis 1,11).

Akt II — Die WendeAbschnitt 7 von 74

Die Erde weiß ein Geheimnis, das die Himmel nicht wissen

Die Tora beginnt mit Himmel und Erde.

בְּרֵאשִׁית בָּרָא אֱלֹקִים אֵת הַשָּׁמַיִם וְאֵת הָאָרֶץ

„Im Anfang schuf G-tt den Himmel und die Erde.“

Der Himmel gibt Regen.

Die Erde empfängt ihn.

Die gewöhnliche Vorstellung ordnet daher den Himmel als tätig und die Erde als leidend ein.

Doch beobachte, was geschieht, nachdem der Regen in den Boden gedrungen ist.

Die Erde lässt Weizen wachsen.

Reben.

Oliven.

Zedern.

Blumen.

Ganze Lebensgemeinschaften.

Die Himmel geben Wasser.

Die Erde bringt Gestalten hervor.

Dies ist eine der klarsten Naturentsprechungen für das verborgene Vermögen der Malchut.

Der Empfangende besitzt nicht bloß, was der Gebende gab.

Der Empfangende enthüllt, was die Gabe werden konnte.

In einem Regentropfen hängt keine Ernte.

In einer Wolke schwebt kein Weinberg.

Erst wenn Regen auf Boden trifft, auf Samen, Jahreszeit, Wärme, Dunkelheit und Zeit, wird die Möglichkeit zur Frucht.

Deshalb weigert sich das Chawa-Kadmona-Korpus, Empfänglichkeit als Trostpreis zu behandeln. Seine Lehre ist stärker: Empfänglichkeit hat einen strukturellen Vorzug, weil sie der Ort der Verwirklichung ist.

Diese Einsicht reicht weit über das Geschlecht hinaus.

Ein Schüler empfängt eine Lehre. Wiederholt er sie bloß, hat Übermittlung stattgefunden. Nimmt er sie so vollständig auf, dass eine Frage entsteht, die den Lehrer eine nie zuvor ausgesprochene Tiefe enthüllen lässt, dann hat das Empfangen neue Offenbarung erzeugt.

Ein Musiker empfängt eine Melodie und legt sie aus.

Ein Kind empfängt eine Sprache und schreibt schließlich einen Satz, den kein Sprecher vor ihm gesprochen hat.

Ein Geschlecht empfängt Tora und enthüllt Anwendungen, die frühere Geschlechter nie zu formulieren brauchten.

Die Erde empfängt.

Und darum überrascht die Erde den Himmel.

Das ist Malchut.